Der tote Igel

Familienausflug. Ich fahre. Auf der Rückbank sitzen meine Mutter und meine Tochter. Meine Tochter ist jetzt fünf und fühlt sich sehr erwachsen. Sie erzählt der Oma gerade von dem Buch, das wir lesen, „Unten am Fluss“. Dort ist ein Igel auf der Straße überfahren worden. Als die Kaninchen ihn finden, liegt er platt am Straßenrand. Meine Mutter: „Oh je, der ist gestorben.“

„Nein“, erklärt meine Tochter, „der war erst einmal tot.“

Ich blicke in den Rückspiegel und sehe das überzeugte Gesicht meiner Tochter. Mal sehen, wie sich das Gespräch entwickelt.

Klar entgegnet meine Mutter: „Das ist dasselbe. Tot, gestorben.“

Meine Tochter guckt sehr entgeistert und schüttelt den Kopf. „Oma, wie kommst du denn auf sowas. Mama, hast du gehört? Die Oma kennt nicht den Unterschied zwischen tot und gestorben?“

Ich grinse wieder in den Rückspiegel, bleibe aber still.

„Also, Oma, das ist ganz leicht. Wenn der Igel überfahren wird oder wenn ein Tier zum Beispiel erschossen wird, dann ist es tot. Dann zerfällt aber sein Körper und dann kann doch erst seine Seele in den Himmel steigen … und erst dann ist es auch gestorben. Ist das nicht logisch?“

Ich warte einen Moment, meine Mutter holt Luft, aber eigentlich gibt es da nichts einzuwenden.

„Weißt du, Oma“, setzt meine Tochter noch einen drauf, „das wäre sehr unpraktisch, wenn das wirklich dasselbe wäre. Tot und gestorben, meine ich. Stell dir nur vor, wie schnell da die Seele an den Himmel rasen müsste! Da hätte sie gar keine Zeit, sich von allen zu verabschieden.“

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